Kurzübersicht
- Der ATNR ist ein primitiver Reflex, der bereits im Mutterleib entsteht und bis zum 6. Lebensmonat integriert sein sollte.
- Er wird durch eine Drehung des Kopfes ausgelöst: Die Gliedmaßen auf der Gesichtsseite strecken sich, während die Gliedmaßen auf der Hinterhauptseite sich beugen.
- Der Reflex unterstützt das Baby beim Geburtsvorgang und ist wichtig für die Entwicklung der Hand-Augen-Koordination und des vestibulären Systems (Gleichgewicht).
- Ein persistierender (aktiver) ATNR kann zu Lernstörungen (Dyslexie, Dysgraphie), Problemen beim Kreuzen der Körpermittellinie und einer schlechten Sitzhaltung führen.
- Gezielte Reflexintegrationsübungen wie die "Eidechse" helfen, die neuronale Vernetzung zu festigen und den Reflex nachträglich zu integrieren..
Inhalt
- Was sind primitive Reflexe und die Rolle des ATNR?
- Entwicklung und Funktion des Asymmetrisch Tonischen Nackenreflexes
- Die Bedeutung des ATNR für den Geburtsvorgang und die Hand-Augen-Koordination
- Integration und Hemmung - der Übergang zur willkürlichen Bewegung
- Anzeichen einer Persistenz des ATNR
- Mögliche Folgen eines aktiven ATNR auf Lernen und Lateralität
- Gezielte Übungen zur Integration des ATNR
- Fazit:
Was sind primitive Reflexe und die Rolle des ATNR?
Primitive oder frühkindliche Reflexe sind angeborene, automatische Reaktionsmuster auf bestimmte Reize. Sie entwickeln sich bereits im Mutterleib und sichern in den ersten Lebensmonaten das Überleben des Säuglings, etwa durch Atmung, Saugen oder Schreien. Diese Reflexe laufen ohne Beteiligung des Großhirns ab und werden vom Stammhirn gesteuert. Der Asymmetrisch Tonische Nackenreflex (ATNR) ist ein Reflex, der die Bewegung des Kopfes direkt mit der Bewegung der Gliedmaßen koppelt. Er ist eine frühe Form der Koordination zwischen Sehen und Greifen.
Entwicklung und Funktion des Asymmetrisch Tonischen Nackenreflexes
Der ATNR entwickelt sich bereits im Mutterleib und ist bei der Geburt vollständig ausgebildet. Er wird durch eine passive oder aktive Drehung des Kopfes zur Seite ausgelöst. Die Reaktion ist eine asymmetrische Streckung der Gliedmaßen auf der Gesichtsseite (d. h. der Seite, zu der der Kopf gedreht wird) und eine Beugung der Gliedmaßen auf der Hinterhauptseite. Diese Haltung wird als Fechterstellung bezeichnet, daher der Name Fechterreflex.
Die Bedeutung des ATNR für den Geburtsvorgang und die Hand-Augen-Koordination
- Geburtshilfe: Der Reflex unterstützt das Baby während des Geburtsvorgangs, indem die Kopfdrehung die asymmetrische Körperbewegung auslöst, die notwendig ist, um sich durch den engen Geburtskanal zu "schrauben".
- Hand-Augen-Koordination: Der Reflex ist fundamental für die Entwicklung der Hand-Augen-Koordination. Die Streckung des Arms auf der Gesichtsseite lenkt den Blick des Babys auf die Hand, was die visuelle Verfolgung und die spätere Fähigkeit zum gezielten Greifen fördert.
- Vestibuläres System: Durch die Kopfbewegung und die damit verbundene Körperreaktion spielt der ATNR eine wichtige Rolle für die Entwicklung des vestibulären Systems (Gleichgewichtssinn) und des Muskeltonus.
Integration und Hemmung - der Übergang zur willkürlichen Bewegung
Die Integration des ATNR sollte idealerweise bis zum 6. Lebensmonat abgeschlossen sein. Die Hemmung des Reflexes bedeutet, dass die unwillkürliche Kopplung von Kopf- und Gliedmassenbewegung durch höhere Zentren des zentralen Nervensystems (ZNS), insbesondere den Kortex, unterdrückt wird. Die Reflexmuster werden in willkürliche Bewegungsabläufe überführt. Fehlt ausreichende Bewegung und sensorische Stimulation, bleibt der ATNR persistierend (aktiv) und führt zu einem Ungleichgewicht des Nervensystem und neurologischen Störungen.
Anzeichen einer Persistenz des ATNR
Bleibt der ATNR über den sechsten Lebensmonat hinaus aktiv, kann das weitreichende Auswirkungen haben und
- Schreib- und Leseschwierigkeiten: Beim Schreiben oder Lesen muss der Kopf oft leicht gedreht werden, was den Reflex auslösen kann. Die Hand auf der Gesichtsseite streckt sich unwillkürlich, was die Schreibhaltung und die Feinmotorik beeinträchtigt.
- Kreuzen der Körpermittellinie: Schwierigkeiten, die Körpermittellinie zu kreuzen (z. B. beim Schreiben von links nach rechts oder beim Ballspielen), da der Reflex die Bewegung der Gliedmaßen zur gegenüberliegenden Seite hemmt.
- Händigkeit (Lateralität): Probleme bei der Etablierung einer klaren Händigkeit (Links-/Rechts-Schwäche) oder die Notwendigkeit, beide Hände abwechselnd zu benutzen.
- Visuelle Wahrnehmung: Eingeschränkte visuelle Wahrnehmung und Orientierung im Raum, da die Augenbewegungen (Folgen mit den Augen) durch die Nackenbewegung gestört werden.
- Motorische Entwicklung: Erschwertes Krabbeln und Laufenlernen, da die asymmetrische Bewegung die Balance stört.
Mögliche Folgen eines aktiven ATNR auf Lernen und Lateralität
Die Folgen eines noch aktiven ATNR zeigen sich im schulischen Bereich, da der Reflex direkt die Hand-Augen-Koordination und die Lateralität beeinflusst:
- Lernstörungen: Dyslexie (Lese-Rechtschreib-Schwäche) und Dysgraphie (Schreibstörung), da die visuelle und motorische Koordination beim Lesen und Schreiben gestört ist.
- Schlechte Sitzhaltung: Das Kind muss sich oft auf den Arm stützen oder den Kopf in die Hand legen, um den Reflex zu kompensieren und ruhig sitzen zu können.
- Konzentrationsprobleme: Die ständige unwillkürliche Bewegung und die Notwendigkeit zur Kompensation binden kognitive Ressourcen, was zu Konzentrationsproblemen führt.
- Gleichgewicht und Balance: Probleme mit dem vestibulären System führen zu Tollpatschigkeit und motorischer Ungeschicklichkeit.
Gezielte Übungen zur Integration des ATNR
Die nachträgliche Integration des ATNR erfolgt durch gezielte Reflexintegrationsübungen, die oft in der Ergotherapie eingesetzt werden. Diese Übungen zielen darauf ab, die ursprünglichen Bewegungsmuster bewusst und kontrolliert zu wiederholen, um die neuronale Vernetzung zu stärken und die Kontrolle an den Kortex zu übergeben. Ein klassisches Beispiel ist die "Eidechse" (Lizard Crawl):
- Ausgangsposition: Das Kind liegt bäuchlings auf einer Matte.
- Bewegungsablauf: Das Kind dreht den Kopf nach rechts. Gleichzeitig streckt es den rechten Arm und das rechte Bein in einem 90-Grad-Winkel nach oben. Die Augen blicken zum gehobenen Arm. Dann wechselt das Kind auf die linke Seite, bewegt Kopf, Arm und Bein auf die linke Seite.
- Umgekehrte Eidechse: Eine Variation, bei der der Kopf nach rechts gedreht wird, der rechte Arm gestreckt wird, aber der linke Arm auf den unteren Rücken gelegt und das linke Bein gebeugt wird.
- Ergänzung: Jede Form der sensorischen Stimulation (Gerüche, Geräusche, Berührungen) und Übungen, die das Kreuzen der Körpermittellinie erfordern, sind effektive Massnahmen zur Förderung der Integration.
Fazit: Warum die Reflexintegration für schulische Kompetenzen so wichtig ist
Die Integration des Asymmetrisch Tonischen Nackenreflexes ist wichtig für die Entwicklung schulischer Basiskompetenzen. Ein aktiver ATNR kann die Lernfähigkeit, die Koordination und die Lateralität nachhaltig beeinträchtigen. Durch frühzeitige Erkennung und gezielte Reflexintegrationsübungen kann das Ungleichgewicht des Nervensystems behoben werden. So verbessern sich die Fähigkeiten in der Hand-Augen-Koordination und in der Händigkeit. Und das Lernpotenzials eines Kindes kann sich voll entfalten.






