Lernprobleme und primitive Reflexe

Lernstörungen erschweren das Verständnis der gesprochenen Sprache (rezeptiv), den Sprachausdruck (expressiv), das Lesen, Schreiben sowie mathematische Kalkulationen und Themen. Diese Probleme sind nicht auf soziale, kulturelle oder pädagogische Faktoren zurückzuführen, sondern stehen in direktem Zusammenhang mit einer Fehlfunktion des zentralen Nervensystems (ZNS), die oft bereits von Geburt an besteht. Die Reife des ZNS ist die Grundlage für alle kognitiven und motorischen Fähigkeiten, und diese Reife beginnt mit den primitiven oder frühkindlichen Reflexen.

Kurzübersicht

  • Lernstörungen sind neurologisch bedingte Schwierigkeiten beim Verständnis und der Anwendung von Sprache, Lesen, Schreiben und Rechnen.
  • Zu den Symptomen zählen kurze Aufmerksamkeitsspanne, hohe Ablenkbarkeit (ähnlich ADHS), Sprech-/Sprachprobleme, feinmotorische Schwierigkeiten und schlechtes Schriftbild.
  • Die Ursache liegt in einer Fehlfunktion des zentralen Nervensystems (ZNS), dessen Entwicklung von der Integration frühkindlicher Reflexe abhängt.
  • Primitive Reflexe sind automatische Bewegungsmuster des Säuglings, die über das Stammhirn gesteuert werden.
  • Persistierende (aktive) Reflexe (z. B. Moro, ATNR, STNR) behindern die neurologische Entwicklung und führen zu einem Ungleichgewicht im Nervensystem und Lernschwierigkeiten.
  • Gezielte Bewegungsprogramme können die Reflexe nachträglich integrieren und schulische Leistungen, Konzentration und Aufmerksamkeit nachhaltig verbessern.


​​​​Was sind Lernstörungen und ihre Symptome?

Bei Lernstörungen handelt es sich hierbei um definierte Entwicklungsstörungen, die den Erwerb und die Anwendung von schulischen Fähigkeiten erschweren. Menschen mit Lernstörungen haben Probleme mit dem Sprachverständnis (rezeptive Sprache), dem Sprachausdruck (expressive Sprache), der Lesefertigkeit (Dyslexie), der Schreibfertigkeit (Dysgraphie) und der Rechenfertigkeit (Dyskalkulie).

Weitere Symptome, die die Lernfähigkeit weiter beeinträchtigen:
  • Aufmerksamkeitsdefizite: Eine kurze Aufmerksamkeitsspanne und hohe Ablenkbarkeit, die oft mit ADHS oder ADS verwechselt werden.
  • Motorische Probleme: Feinmotorische Schwierigkeiten, schlechtes Schriftbild und Probleme beim Abschreiben.
  • Gedächtnis und Verarbeitung: Ein kurzes Gedächtnis und Schwierigkeiten, gesprochene Informationen zu verstehen.


​​​​Die neurologische Ursache: Fehlfunktion des zentralen Nervensystems

In der Wissenschaft geht man davon aus, dass Lernstörungen auf eine Fehlfunktion des zentralen Nervensystems (ZNS) zurückzuführen sind. Das ZNS ist die Kommandozentrale für Denken, Lernen und Bewegung. Die Fähigkeit Fertigkeiten wie Sprechen, Spielen und komplexe Bewegungen zu entwickeln, hängt direkt von der Entwicklung und Reifung dieses Systems ab. Diese Reife ist ein sequenzieller Prozess, der mit den primitiven Bewegungen beginnt, die von den frühkindlichen Reflexen gesteuert werden. Eine Störung in dieser frühen Reifungsphase macht das Gehirn anfällig für Entwicklungsstörungen.


​​​​Die Rolle der primitiven Reflexe in der Gehirnentwicklung

Primitive Reflexe sind die ersten Bewegungsformen des Menschen, die bereits im Mutterleib gebildet werden. Sie sind automatische Reaktionsmuster und werden über das Stammhirn gesteuert, benötigen also keine kortikale Aktivität des sich noch entwickelnden Gehirns. Sie dienen als Bewegungstreiber und helfen dem Säugling, sich an die Schwerkraft und die neue Umgebung anzupassen. Vor allem aber sind sie die Grundlage für eine gesunde Entwicklung des Gehirns, indem sie die notwendigen neuronalen Netzwerkmuster stimulieren.


​​​​Integration und Persistenz: Der Übergang zur gesteuerten Bewegung

Im Laufe des ersten Lebensjahres, mit der postnatalen Entwicklung des Gehirns, werden die primitiven Reflexe nicht mehr benötigt. Sie "verschwinden" nicht einfach, sondern werden integriert – das heißt, sie werden in neue, willkürliche (bewusste) Bewegungen überführt und werden fortan vom Kortex gesteuert. Dieser Prozess der Integration ist entscheidend, da die neuen, bewussten Bewegungsabläufe jede Menge neuronale Netzwerkmuster erzeugen, die verschiedene Gehirnregionen miteinander verbinden. Diese Vernetzung ist essenziell für die Bereiche Lernen, Kommunikation, Beziehungen und Motivation.


​​​​Folgen einer fehlenden Reflexintegration auf Lernen und Verhalten

Findet die Integration der primitiven Reflexe nicht oder nur unvollständig statt, bleibt das zentrale Nervensystem in einem Zustand der Unreife. Dies führt zu einem Ungleichgewicht des Nervensystems und einer gestörten sensorischen Verarbeitung.

Mögliche Folgen eines persistierenden Reflexes sind:
  • Lernstörungen: Dyslexie, Dyskalkulie, Dysgraphie.
  • Aufmerksamkeits- und Verhaltensprobleme: ADS, ADHS, Verhaltensprobleme.
  • Entwicklungsverzögerungen: Autismus, Entwicklungsverzögerungen.
  • Sensorische Probleme: Probleme mit den Sinnesorganen (Sehen, Hören).
  • Emotionale Schwierigkeiten.


​​​​Wissenschaftliche Belege für den Zusammenhang zwischen Reflexen und Lernstörungen

Zahlreiche Studien belegen den direkten Zusammenhang zwischen aktiven primitiven Reflexen und Lernschwierigkeiten. Gustafson (1970) zeigte, dass Kinder mit Lernstörungen noch aktive Moro- und ATNR-/STNR-Reflexe aufwiesen. Goddard Blythe (2002) und Taylor et al. (2004) fanden einen signifikanten Zusammenhang zwischen persistierenden Reflexen und Dyslexie, Aufmerksamkeitsstörungen und ADHS. Diese Forschungsergebnisse machen deutlich, dass die Reflexintegration ein oft übersehener, aber entscheidender Faktor bei der Behandlung von Lernproblemen ist.


​​​​Die Lösung: Gezielte Reflexintegration und ihre Erfolge

Die gute Nachricht ist, dass die frühkindlichen Reflexe auch im späteren Leben noch integriert werden können. Gezielte Bewegungsprogramme zur Reflexintegration nutzen die Neuroplastizität des Gehirns, um die unvollständige Reifung nachzuholen.

  • Bein-Wierzbinski (2001): Eine Studie zeigte, dass die Behandlung mit einem spezifischen Bewegungsprogramm zu Verbesserungen der augenmotorischen Funktion und der Lesefertigkeit führte.
  • O´'Dell und Cook (1997): Eine Untersuchung belegte, dass Übungen, die sich auf Gehbewegungen und die großen Beinmuskeln konzentrierten, halfen, Hyperaktivität zu stoppen.

Durch die Integration der noch aktiven primitiven Reflexe werden neue Nervenbahnen und Netzwerkmuster stimuliert, was die schulischen Leistungen, die Konzentration, die Aufmerksamkeit und das Behalten nachhaltig verbessert


​Fazit: Warum die Reflexintegration für das Lernpotenzial wichtig ist

Die Integration frühkindlicher Reflexe ist der Schlüssel zur Entfaltung des vollen Lernpotenzials. Da Lernprobleme ihre Wurzeln in einer neurologischen Unreife haben, die durch noch aktive Reflexe verursacht wird, ist die Reflexintegration ein notwendiger Schritt, um das Ungleichgewicht des Nervensystems zu beheben. Die gezielte Förderung der neuronalen Vernetzung schafft die stabile Grundlage, die Kinder benötigen, um erfolgreich zu lernen und sich emotional und sozial gesund zu entwickeln.

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