Kurzübersicht
- Kinder mit ADHS zeigen trotz Hyperaktivität häufig motorische Defizite und Koordinationsschwierigkeiten.
- Wissenschaftliche Studien belegen eine motorische Reifungsverzögerung von etwa zwei Jahren.
- Schwierigkeiten treten in Grob- und Feinmotorik, Gleichgewicht, physische Körperwahrnehmung und räumlicher Orientierung auf.
- Während die ICD-10 ADHS als Verhaltensstörung einstuft, betrachtet das DSM-5 es als neurologische Entwicklungsstörung. ICD-11 kategorisiert ADHS wie DSM-5 ebenfalls als neurologische Entwicklungsstörung.
- Gezieltes Bewegungstraining verbessert nicht nur motorische Fähigkeiten, sondern auch kognitive Leistungen.
Inhalt
- Der Widerspruch: Hyperaktivität und motorische Defizite
- Wissenschaftliche Erkenntnisse zu motorischen Schwierigkeiten bei ADHS
- Unterschiedliche Diagnosekriterien: ICD-10/11 vs. DSM-5
- Bewegung als Schlüssel zur Verbesserung
- Neuroplastizität - wie das Gehirn durch Bewegung lernt
- Positive Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten
- Fazit: Bewegungstraining als ganzheitlicher Ansatz bei ADHS
Der Widerspruch: Hyperaktivität und motorische Defizite
Erstaunlicherweise geht man bei Kindern mit ADHS selten davon aus, dass sie Probleme mit Bewegung haben. Schließlich zappeln sie doch die ganze Zeit herum, oder? Weit gefehlt. Natürlich ist eine Verhaltensstörung mit Hyperkinese - also einer starken motorischen Unruhe - geprägt von einem Übermaß an Aktivität und doch gehen damit oft Defizite im Bereich der Motorik einher.
Wissenschaftliche Erkenntnisse zu motorischen Schwierigkeiten bei ADHS
Mehrere Wissenschaftler haben versucht, diesen Zusammenhang zu ergründen. So gibt es laut Gillberg et al. eine motorische Reifungsverzögerung von ca. 2 Jahren (als "defizit attention motor perzeption" betitelt). Weitere Untersuchungen konnten bei Kindern mit ADHS ebenfalls Schwierigkeiten in den Bereichen Grob- und Feinmotorik, Gleichgewicht, physische Körperwahrnehmung und temporo-spatialen Orientierung (Dr. Kirsten Stollhoff) feststellen.
Unterschiedliche Diagnosekriterien: ICD-10/11 vs. DSM-5
Während in Deutschland zur Diagnose einer ADHS die ICD-10 (Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) herangezogen wird, wird in Amerika nach dem DSM-5 (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) codiert, was in diesem Fall einen grossen Unterschied ausmacht. Die IDC-10 sieht die hyperkinetische Störung im Bereich der Verhaltensstörungen, während das DSM-5 ADHS als neuronale Entwicklungsstörung einstuft. Zudem wird in dieser Einstufung die Beziehung zwischen ADHS und motorischen Schwierigkeiten berücksichtigt. ICD-11 kategorisiert ADHS endlich wie DSM-5 ebenfalls als neurologische Entwicklungsstörung.
Bewegung als Schlüssel zur Verbesserung
Kinder, die von ADHS betroffen sind, haben also Schwierigkeiten mit Motorik und Koordination. Wäre es da nicht eine logische Schlussfolgerung, über Bewegung mit ihnen zu arbeiten? Absolut. Denn laut Prof. Kempermann ist "{...} die Zusammenarbeit zwischen Hirn und Muskulatur keine Einbahnstrasse." Denn beide kommunizieren in beide Richtungen miteinander. Und Bewegung ist ganz klar Teil einer hirngerechten Stimulation zu Anregung von Neuroplastizität.
Neuroplastizität - wie das Gehirn durch Bewegung lernt
Unter neuronaler Plastizität oder Neuroplastizität versteht man die Eigenart von Synapsen, Nervenzellen oder auch ganzen Hirnarealen, sich zwecks Optimierung laufender Prozesse nutzungsabhängig in ihrer Vernetzung und Funktion zu verändern. Wie Prof. Dr. Gerd Kempermann es ausdrückt: "Nur Spezies, die sich bewegen, benötigen ein Nervensystem, und in der Evolution sind Gehirne entstanden, um Bewegung zu ermöglichen."
Positive Auswirkungen auf kognitive Fähigkeiten
So ist ein individuelles Bewegungstraining mit Fokus auf den oben genannten Bereichen (in denen Defizite auftreten) in der Lage, motorische Schwierigkeiten bei Kindern mit AHDS deutlich zu verbessern. Und die schöne Übertragungswirkung scheint zu sein, dass in Studien auch kognitive Verbesserungen durch Bewegung festgestellt wurden. Mit anderen Worten: Von ADHS betroffene Kinder waren nach der Verbesserung ihrer körperlichen Fitness in der Lage, bessere Leistungen im Bereich Lernen, Gedächtnis, Impulskontrolle und Aufmerksamkeit zu erbringen.
Fazit: Bewegungstraining als ganzheitlicher Ansatz bei ADHS
Gezieltes Bewegungstraining ist für Kinder mit ADHS eine Win-Win-Situation. Es verbessert nicht nur motorische Fähigkeiten wie Koordination, Gleichgewicht und physischer Körperwahrnehmung, sondern fördert durch die Anregung von Neuroplastizität auch kognitive Funktionen. Die Zusammenarbeit zwischen Gehirn und Muskulatur ist keine Einbahnstrasse - Bewegung stimuliert das Gehirn, sich mehr und anders zu vernetzen und ermöglicht so Verbesserungen in Lernen, Gedächtnis und Aufmerksamkeit. Damit stellt Bewegung einen wichtigen Teil eines ganzheitlichen therapeutischen Ansatz dar, der körperliche und geistige Fitness gleichermassen fördert.






